Ein Gedanke menschlicher Verhaltensweisen Gewalt – Macht – Aggressivität im Rollenverhältnis

Das deutsche Wort Gewalt ist die substantivische Form des Tätigkeitswortes
„walten“, was auch „herrschen“ bedeutet.Von Naturgewalten reden wir oft angesichts
von verheerenden Auswirkungen des Waltens von Kräften der Natur, die menschliche Abwehr als kraftlos erscheinen lassen.Während dem Walten der Natur der Mensch als Betroffener mehr oder weniger ausgeliefert ist, haben wir es bei der sogenannten Begriff Staatsgewalt mit einer von Menschen auf Menschen ausgeübten Form zu tun.

Die Staatsgewalt umfasst ebenso die Fähigkeit eines Staates, äussere Feinde abzuwehren, als auch im Inneren dafür zu sorgen, dass Gesetze eingehalten und die Integrität der einzelnen Bürgerinnen und der einzelnen Bürger geschützt werden. Der Staat beansprucht in seinem Territorium das Gewaltmonopol. In einem demokratisch verfassten Staat trägt die Staatsgewalt, wird sie denn angemessen und verantwortungsbewusst im Rahmen der Verfassung und der Gesetze angewendet, ganz entscheidend zu einem friedlichen Zusammenleben von Einwohnerinnen und Einwohnern bei. In zwei, für uns interessanten Fällen verzichtet der Staat aber auf sein Gewaltmonopol. Einmal sind wir in Situationen, in denen wir angegriffen werden und keine staatlichen Organe anwesend sind, zur Notwehr, das heisst selbst zur Gewaltausübung berechtigt. Zum Andern überlässt der Staat den Eltern das Recht, sich ihren Kindern gegenüber in einer Weise durchzusetzen, wie dies unter Erwachsenen strafbar wäre.

Der alte Begriff der„Elterlichen Gewalt“ scheint mir dem effektiven Sachverhalt eher zu entsprechen als der neue Begriff der „Elterlichen Sorge“. Gerade im Streit über diese Begrifflichkeit kommt meiner Ansicht nach die gesellschaftlich vorherrschende, negative Konnotation des Begriffes „Gewalt“ klar zum Ausdruck. Gewalt wird stets im Zusammenhang mit missbräuchlicher Gewaltanwendung gesehen und als schlecht, bös, bekämpfenswert an sich aufgefasst. Hilft uns das aber wirklich weiter?

Die Verwendung des Gewaltbegriffs, der uns auch Perspektiven in unserer Arbeit eröffnet. „Gewalt ist eine Kraft, die sich auch gegen Widerstand durchzusetzen vermag“. Mit dieser, das Phänomen sachlich beschreibenden und bewertungsfreien Definition lassen sich alle Interaktionen begrifflich fassen, in denen sich eine Person gegen ihr Gegenüber auch dann durchsetzt, wenn dieser seinen Unwillen bekundet und Widerstand leistet.Ich bin der Überzeugung, dass wir den Mut haben müssen, all die Situationen, in denen der Wille einer Person übergangen wird, als Gewaltsituation zu bezeichnen und auch auszusprechen. Erst dann haben wir uns um eine ethische Wertung zu bemühen.Gewaltanwendung im zwischenmenschlichen Bereich sollte immer dann angesprochen werden, wenn sich ein Mensch mit seiner überlegenen Kraft gegen den Willen des Gegenübers durchsetzt.

Erst dann sollte die ethische Beurteilung erfolgen. Gewalt kann missbräuchlich, aber auch in legitimer Weise und verantwortungsbewusst eingesetzt werden.                          Mit der Dämonisierung des Gewaltbegriffs generieren wir im betreuerischen und erzieherischen Umgang nur die paradoxe Situation, dass wir oft Gewalt anwenden,
aber nicht über deren Legitimation diskutieren können, weil wir dafür in der Beschreibung beschönigende Formulierungen verwenden. Nennen sie Gewalt beim
Namen, haben sie den Mut zu verantwortungsbewusstem und legitimem Einsatz von
Gewalt und kämpfen sie beherzt gegen alle Formen der missbräuchlichen Gewaltanwendung.Macht ist eine Form der Gewalt diese hat die Möglichkeit, andere Menschen zu beeinflussen und zu führen, weil man über die Mittel zu deren Bedürfnisbefriedigung oder Frustration verfügt.Eine Machtkonstellation ist demzufolge stets dann gegeben, wenn eine Person ein Bedürfnis hat und nicht selbst über die Mittel zur Bedürfnisbefriedigung verfügt.

Sie ist dann geneigt, den Wünschen und Forderungen derjenigen Person nachzukommen, die über diese Mittel zur Bedürfnisbefriedigung verfügt.                  Macht bricht nicht einen Widerstand oder den Willen, sondern sie lenkt schon den Willen des Gegenübers in die gewünschte Richtung. Da wir als Menschen sehr bedürftige
Wesen sind, ist die Machtfrage in jeder Beziehung und jeder Interaktion enthalten.

Ein Mensch hat das Bedürfnis nach Anerkennung, die Möglichkeiten zur Befriedigung oder Frustration dieses Bedürfnisses liegen zwangsläufig bei andern Personen. Wie beim Phänomen der Gewalt, sind wir dem Phänomen der Macht in jeder Beziehung, jeder Interaktion unentrinnbar ausgesetzt. Läuft das Zusammenleben problemlos und munter, bin ich der Letzte, der dazu aufruft, all die wechselseitigen Machtausübungen zu beobachten und zu analysieren. Um die Machtverhältnisse in einer konkreten Situation adäquat erkennen zu können, müssen die Bedürfnisse auf beiden Seiten erkannt und aufgelistet werden. Nähe, Nahrung,Objektbesitz und Hilfestellung. Unbeachtet bleibt manchmal der schlichte Wunsch nach Dominanz, nach Durchsetzung des eigenen Willens dies führt zu Konflikten im Eltern-Kind-Verhältnis so erlernen schon Kinder  dysfunktionale Verhaltensweisen in ihrer Familie.

Jeder sollte,  also im Bedarfsfalle über die Fähigkeit verfügen, die vielfältigen Machtverhältnisse sachlich zu erkennen und zu benennen. Nicht zu unterschätzen sind ethische Dimension des Machteinsatzes.  Macht kann entweder konstruktiv, das heisst zum Wohle aller Beteiligten eingesetzt werden, oder man setzt Macht in einem destruktiven Sinne zur Erniedrigung, Ausbeutung oder zur Unterdrückung des Gegenübers ein. Diese ethischen Fragen müssen stets offen und aufrichtig diskutiert und geklärt werden, bevor ein bewusster und gezielter Einsatz von Macht in Erwägung gezogen wird.Erfahrungsgemäss verfügen gewisse Menschen über intuitive Fähigkeiten, andere Personen so zu beeinflussen, dass ein gutes Zusammenleben in ihrem Sinne möglich wird. Diese Menschen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie die Bedürfnisse der sie umgebenden Personen sehr aufmerksam registrieren. Durch kleine Geschenke, Aufmerksamkeiten, Komplimente, Einladungen etc. machen sie sich für das Gegenüber zu einer Quelle des Guten.Tritt dies ein, ist der Partner doch gerne geneigt, bestimmten Forderungen und Wünschen zu entsprechen, steht sonst doch der Verlust von eigenen Bedürfnisbefriedigungen auf dem Spiel. Auf solchen Wegen des gekonnten Umgangs mit Macht können sich die auch ihnen vertrauten Verhältnisse ergeben, dass eine, bezüglich Kraft und Gewalt hoch überlegene Person von einer körperlich unterlegenen Person beinahe nach Belieben dominiert wird. Das nennt man hohe Schule der Machtausübung.

Leider gibt es Charaktere die im Durchsetzen ihres Willens derart erfolgreich sind, dass sie ihre eigene soziale Integration massiv erschweren oder gar verunmöglicht haben. Wer möchte denn mit jemandem zusammen Arbeiten, Wohnen oder die Freizeit verbringen, der es stets darauf anlegt, den eigenen Willen durchzusetzen. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass auch unproblematische soziale Situationen von einer grossen Menge von wechselseitigen, normalerweise unbeachteten Machtkonstellationen durchdrungen sind. Findet man sich jedoch als Mitarbeitender in einer sozialer Institution mit Verhaltensweisen konfrontiert, die „Ohnmachtsgefühle“ auslösen, führt kein Weg daran vorbei, die ablaufenden Machtspiele genau zu analysieren und mit Lust und Freude neue Ansätze zur gezielten Machtausübung zu entwickeln. Wer sich über solche Machtspiele nur ärgert, hat allerdings bereits verloren.

Aggressivität
Nebst den Phänomenen Gewalt und Macht spielt auch die Aggressivität in jeder
sozialen Beziehung eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Als Aggressivität bezeichne ich die Haltung eines Menschen, die seine Bereitschaft ausdrückt, für oder gegen etwas zu kämpfen. Erkennbar wird diese Haltung in der Art des Blickes, im Ton der Stimme, im Verhalten und in der Körperhaltung. So übermitteln sich Menschen, ob sie dies nun beabsichtigen oder nicht, ihre Ansprüche auf Klärung ihrer Position in der Gruppe und ihrer Bestimmungsmöglichkeiten. Dank dieser Aggressivität bildet sich in jeder Gruppe eine Struktur, in der jedem Mitglied eine bestimmte Position zukommt. Sind die Positionen nicht hinlänglich geklärt, kommt es zu rivalisierenden Auseinandersetzungen. Entscheidend ist, neben der struktuellen Form eines Menschen scheint die Bereitschaft zu sein, um eine bestimmte Position zu kämpfen, sie dann auch zu verteidigen. Eine Besonderheit an dieser hierarchischen Struktur in einer sozialpsychologisch funktionierenden Gemeinschaft  ist die kreisförmige Geschlossenheit durch die besondere Nähe zwischen den Stärksten und den Schwächsten der Gemeinschaft. So steht der Säugling in einer funktionierenden
Familie nicht schutzlos als Schwächster da, sondern er geniesst den expliziten Schutz der Stärksten, der Eltern. Eine sozialpsychologisch funktionierende Familie lebt von der Unterschiedlichkeit, der Heterogenität. Die unterschiedlichen Positionen erfordern von den Personen unterschiedliche Beiträge an das Funktionieren , sie führen aber auch zu unterschiedlichem Status und Bestimmungsrecht.

Das leitende Prinzip ist die Gerechtigkeit, nicht die Gleichheit.

Wer sich mit weniger Status und Kompetenzen zufrieden gibt, braucht auch nicht so
viel Verantwortung zu übernehmen und nicht so viel Leistung zu erbringen.Nachdem möglichen Sinn der Aggressivität als Antrieb für eine Ordnung stiftende und Effizienz bringende Strukturierung stellt sich die Frage nach den ethischen Bedingungen, unter denen die Aggressivität ausgelebt werden kann und darf. Es ist entscheidend, dass man sich in Auseinandersetzungen sich innerhalb der familieären Strucktur an die geltenden Regeln und die gesetzlichen Rahmenbedingungen hält.

Fairness ist dabei der Schlüsselbegriff.
Innerhalb eines, durch die Regeln bestimmten Spielraumes, hat darf Streit sein. Regelverstösse sind mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu sanktionieren, was nicht immer einfach ist.Arbeit im institutionellen Kontext ist wichtig, dass der Sinn eines aggressiven Verhaltens erkannt wird. Zudem sollten Eltern bereits sein und Möglichkeiten schaffen, dass sich unterschiedliche Rollen entwickeln können und Auseinandersetzungen in fairem Rahmen möglich werden.

Persönlichkeitsmerkmale spielen eine sehr starke Rolle.Man kann und muss aus einem Häschen keinen Löwen machen.Dies kann gelingen, indem man diese Person in ihrer Rolle respektiert, mit Aufgaben und Kompetenzen Ihrer Rolle betraut und in vertrauliche Gespräche an ihre Verpflichtung für die Schwächsten erinnert.

Durch frühes und unreflektiertes Intervenieren in Auseinandersetzungen zwischen
in dem in aller Regel für die Schwächere, den Schwächeren Partei ergriffen wird, kann eine unselige Dynamik entstehen. Der Schwache kann Stärkere provozieren und aggressives Verhalten auslösen. Auch aggressives Intervenieren gegen den Stärkeren, erreicht der Schwächere einen unverdienten Sieg im Positionskampf. Dies wiederum kann dazu führen, dass der Stärkere im unkontrollierten Moment die Verhältnisse wieder zu korrigieren versucht, was den Schwachen dazu bewegt, die Betreuenden zu
Sanktionen zu bewegen, und so weiter und so fort – ohne berechtigte Hoffnung auf
ein gutes Ende. Zwischen Opfern und Tätern in aggressiven Auseinandersetzungen ergibt sich nicht selten ein problematischer, wechselseitiger Zusammenhang. Immer wieder laufen die Gleichen Gefahr, Opfer zu werden und immer wieder werden die Gleichen zu Tätern. Völlig klar gelten unsere Sorge und unsere Solidarität den Opfern. Täter sollen im Rahmen ihrer Schuldfähigkeit sanktioniert und zu einem andern Verhalten gebracht werden. Agogisch ebenso wichtig und präventiv wohl aussichtsreicher ist aber die Anstrengung, den Opfern zu einer andern Ausstrahlung, zu mehr Positionierung zu verhelfen. Wenn es gelingt, solch potentiellen Opfern zu helfen, mehr Selbstsicherheit aufzubauen, ihnen beizubringen, klar und überzeugt Nein zu sagen,konflikthafte Situationen besser auszudrücken, sie lassen sich nicht alles gefallen können wir zu ihrem Schutz viel erreichen. Erkennen sie, dass den Phänomenen Gewalt, Macht und Aggressivität in jeder Beziehung, jeder menschlichen Interaktion eine Bedeutung zukommt.

Verwenden sie klare Begriffe um Sachverhalte möglichst gut beschreiben zu
können. Verzichten sie auf beschönigende Formulierungen, nur um Begriffe
wie Gewalt, Macht und Aggressivität zu umgehen.

Bemühen sie sich um einen verantwortungsbewussten und legitimen Umgang
mit Gewalt. Engagieren sie sich gegen jede Form missbräuchlicher
Gewaltanwendung

Bemühen sie sich um einen konstruktiven Umgang mit Macht und erkennen
sie die Mechanismen von Machtausübung. Gefallen sie sich nicht in
Ohnmächtigkeit; sie macht nicht unschuldig. Engagieren sie sich gegen jede
Form von destruktiver Machtausübung

Erfassen sie den tiefen Sinn von Aggressivität und stellen Sie Ihre Postition eindeutig klar welche ihnen erlaubt, ihre Position zu erhalten, Ziele zu
erreichen und ihre Integrität zu verteidigen. Bleiben sie aber fair und verlangen
sie dies auch von ihren Mitmenschen.

 

 

 

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Ein Gedanke zu „Ein Gedanke menschlicher Verhaltensweisen Gewalt – Macht – Aggressivität im Rollenverhältnis

  1. Aus der Angst herauszukommen fällt mir sehr schwer .Gerade weil mein Ex Mann schon laut spricht zucke ich zusammen . Ich kann diese Haltung schwer ablegen.
    Es kommt automatisch.
    Liebe Grüße Sina

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